Gemeinde Amtzell - westliches Tor zum Allgäu

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Bildungs- und Lehranstalten

Ländliches Schulzentrum

Ländliches Schulzentrum Amtzell„Aus der Raupe wird der Schmetterling"
Die Amtzeller Schulentwicklung: Modell einer ländlichen Ganztagesschule

Die Amtzeller Schule hat sich über viele Jahre weiterentwickelt. Eine Großzahl unserer Schüler besucht weiterhin unsere Schule nach der 4. Klasse, trotz anderer Bildungsempfehlung. Das Ziel vieler ist es, den mittleren Bildungsabschluss vor Ort zu erreichen. Zusätzlich zum Technikprofil ist dies in Amtzell auch mit der 2. Fremdsprache Französisch möglich. Weiter ausgebaut wurde der Ganztagesbereich. Kinder und Jugendliche können von Montag bis Donnerstag die Schule ab 7.00 Uhr bis 17.00 Uhr besuchen. Neben Freizeitangeboten werden Systeme der Lernpädagogik zur Förderung der Jugendlichen entwickelt. Mit dem neuen Ganztagesbetreuungsgebäude, das seit dem Schuljahr 2006/2007 zur Verfügung steht, werden neue Inhalte umgesetzt.

Adressdetails der Schulen

Schulzentrum

Ländliches Schulzentrum Amtzell/NeukirchSchulstr. 1407520/95620

Pionierschule: Das Ländliche Schulzentrum Amtzell
Lernen nach dem Baukasten-System

Im Ländlichen Schulzentrum Amtzell erreicht jeder sein Klassenziel. Und fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler bleibt ab der fünften Klasse in dem Zentrum mit Grund-, Haupt- und Werkrealschule. Zu verdanken sind diese Erfolge nicht zuletzt der engen Zusammenarbeit zwischen Schule und Gemeinde.

Bereits vor rund 20 Jahren begann Amtzell mit einem eigenen Weg in der Schulpolitik. Inzwischen lässt sich der Erfolg des Schulzentrums aus Grund- und Hauptschule mit Werkrealschule an drei Angaben festmachen:

1. Zum Schuljahr 2007/08 blieb fast die Hälfte aller Grundschüler (47 Prozent) nach der vierten Klasse im Schulzentrum. Dazu zählten zahlreiche Mädchen und Jungen mit Realschul- und Gymnasial-Empfehlung – ein erheblicher Unterschied zum landesweiten Trend, bei dem gerade noch 28 Prozent der Grundschüler ihre Zukunft auf der Hauptschule sahen.

2. Wer eine Ausbildung machen wollte, erhielt seine Lehrstelle ohne Probleme.

3. In Amtzell zeigt sich, wie sehr der Abschluss der Mittleren Reife die Hauptschule aufwerten kann. Mittlerweile machen 80 Prozent der Schüler diesen Sprung über die Prüfung in der zehnten Klasse. Und dort steht ihnen der weitere Weg offen: 12 von 16 Absolventen der Werkrealschule gehen weiter zum Berufskolleg oder zum Beruflichen Gymnasium.

Sehr gute Ergebnisse also. „Wir denken nicht daran, standortgefährdet zu werden“, betont Schulleiter Roland Titel. 190 Mädchen und Jungen besuchen inzwischen das Schulzentrum ab der fünften Klasse. Erklärbar ist der Erfolg nicht allein mit geringen sozialen Problemen auf dem Land. Schule und Gemeinde setzen vielmehr nachhaltig darauf, Unterricht und Rahmenbedingungen zu verbessern. Ausgangspunkt war vor 20 Jahren die Gefahr, Schüler an andere Schulen zu verlieren. Gerade 80 bis 90 Jungen und Mädchen wollten damals noch in Amtzell auf die Hauptschule gehen.

Die Kommunalpolitiker – und namentlich Bürgermeister Paul Locherer – reagierten auf diese frühe Hauptschul-Krise mit dem Aufbau einer Ganztagsschule (siehe Interview). Ein Kennzeichen: Die Gemeinde bezahlt bereits seit 16 Jahren einen Schulsozialarbeiter. Nach Einschätzung von Rektor Roland Titel ist die Unterstützung durch die Gemeinde ein entscheidender Faktor für den Erfolg seiner Schule. Im Gemeinderat sei seit drei Jahren jeder Beschluss zur Förderung von Schulthemen einstimmig ausgefallen.

Im Ländlichen Schulzentrum Amtzell werden Schüler von der ersten bis zur achten Klasse einheitlich unterrichtet. Eine Aufteilung erfolgt erst Mitte der neunten Klasse. Dann entscheidet es sich, wer den Abschluss der Hauptschule oder über die zehnte Klasse doch die Mittlere Reife der Werkrealschule machen will. Vielleicht noch wichtiger: Die „systematischem Vorbereitungen“ auf den späteren Abschluss beginnen bereits ab der fünften Klasse. Ergebnis: In Amtzell erreicht jeder sein Klassenziel. „Sitzenbleiber gibt es bei uns nicht“, kommentiert der Rektor.

„Spätzündern“ eine Chance

Um dies zu erreichen, haben die Pädagogen wichtige Ansätze von der Pisa-Elite in Skandinavien übernommen, etwa das Lernen nach Modulen. Letztlich ist das ein freiwilliges Baukasten-System. Die Schüler können solche Baukästen in den drei Hauptfächern Deutsch, Mathematik und Englisch ab der siebten Klasse zweieinhalb Jahre lang sammeln. Die Baukästen entscheiden mit über den späteren Abschluss: Wer 12 von 15 möglichen Modulen in der Tasche hat, kann in die zehnte Klasse aufrücken und die Mittlere Reife ansteuern. Der große Vorteil des Systems ist seine Flexibilität, zumal bei den Baukästen Wiederholungen möglich sind. „Wer in der Pubertät Schwierigkeiten hat, kann das nacharbeiten“, sagt Titel. So hätten auch „Spätzünder“ eine Chance.

Die Schule steigert so die Motivation, indem sie die Angebote an das Lernverhalten ihrer Schüler anpasst und die Selbstständigkeit fördert.

Die Stärke der Schule macht zusätzlich aus, dass sie auch die Schwächeren nicht vergisst. Für sie steht ab der fünften Klasse – wie der Rektor sich ausdrückt – ein „Riesenpaket an individueller Förderung“ bereit. Wer in Deutsch, Mathematik oder Englisch nicht mitkommt, erhält Stützund Förderkurse. Dazu ist im Stundenplan aller Klassen zusätzlich zum Unterricht jeweils eine Stunde extra reserviert. Hier kommen wieder die Lerntheken zum Zuge. Zusätzlich werden die Schüler bei den Hausaufgaben betreut.

Damit erreicht die Schule über alle Klassenstufen hinweg insgesamt 205 Unterrichtsstunden – deutlich mehr als eine Realschule mit 183. Hier wirken sich vor allem die zusätzlichen vier Lehrerstunden pro Klasse aus, die die Schule durch die Einrichtung der Ganztagsschule erhalten hat. Zudem profitiert sie von den Angeboten, die über die Gemeinde möglich sind. Für Arbeitsgemeinschaften wie Theater, Internet, Chor, Zirkus oder Spiel und Sport werden Betreuer benötigt: Sozialarbeiter, Erzieherinnen oder Mitarbeiterinnen in der Küche. Allein 120.000 Euro an Personalkosten trägt die Gemeinde Amtzell zusätzlich, wobei der Landkreis Ravensburg ein Drittel der Kosten für den Schulsozialarbeiter übernimmt. Zudem gibt es 27 Mütter und Väter, die etwa in der Bücherei ehrenamtlich mitarbeiten. Und 16 der andernorts umstrittenen Jugendbegleiter sind montags und vor allem mittwochs einbezogen. Das sind einerseits Studenten der nahen PH, andererseits Mitglieder etwa der Sportvereine. Organisiert wird die Arbeit von Schulsozialarbeiter Rudi Schmid-Geiger.

Auch die Gemeinde profitiert

Ganztagsbetreuung benötigt indessen auch Raum. Die Gemeinde hat deshalb neben drei Hallen für Sport und Bewegung an der Schule einen neuen Schulpavillon errichtet. Hier können sich die Schüler frühmorgens oder am Mittag beim Tischtennis, Tischfußball oder Billard austoben, hier liegt in der „Spielothek“ eine Vielzahl an Spielen für die jüngeren Mädchen und Jungen bereit. Eine Mensa, Gruppenarbeitsräume und ein großes Arbeitszimmer für die Lehrer gehören ebenfalls dazu. Das Gebäude ist so attraktiv, dass ein Schulamtsdirektor bei einem Besuch dem Rektor zu der „Nobelherberge“ gratuliert hat.

Kennzeichen dieses Netzwerks ist, dass die Gemeinde ebenfalls etwas davon hat. So profitieren nicht allein die Schüler von dem neuen Pavillon. Vielmehr soll die Schulbücherei künftig zur Gemeindebücherei ausgebaut werden. Und: Die Schule steht bislang an einem Abend pro Woche allen Jugendlichen aus der Gemeinde offen. Falls sich das bewährt, wären zwei Abende möglich. Betreut werden die Jungen und Mädchen von einem Jugendbegleiter.

Oder das Projekt „Young and Old Hand in Hand“. Hier verbringen Senioren und Schüler Zeit zusammen, helfen einander und lernen, sich gegenseitig zu verstehen. Ziel des Projekts ist es, junge Menschen dazu zu bewegen, auf die Älteren zuzugehen. 19 Schüler aus den siebten bis neunten Klassen machen mit. Sie erhalten einen kleinen Verdienst von vier Euro pro Stunde. Zusätzlich wird die Beteiligung im Zeugnis festgehalten.

Mittlerweile ist die Nachfrage bei Jugendlichen, die mitmachen wollen, groß. Sie können den Senioren vieles anbieten: Hilfen in Garten und Haushalt, Gassi gehen mit den Haustieren, Unterhaltung oder die Begleitung zum Arzt. Nicht selten ergeben sich hieraus auch nachhaltige Beziehungen. In solchen Projekten übernehmen die Schülerinnen und Schüler Verantwortung, bilden ihre Persönlichkeit weiter. Die Schule geht hier mit Hilfe der Gemeinde vollends zum ganzheitlichen Lernen über.

Amtzell macht damit Eltern und Schülern Hoffnung. Das zeigt sich jetzt an der neuen Kooperation mit der Hauptschule Neukirch. Dort wird künftig das Modell übernommen, ehe die Schüler in der siebten Klasse direkt nach Amtzell wechseln sollen. Durch diese Kooperation hat sich im Frühjahr 2008 die Zahl der Anmeldungen in Neukirch von 10 auf 15 Schülerinnen und Schüler erhöht. Wieder sind Jungen und Mädchen mit Empfehlungen für die Realschule darunter. So bietet das Modell für Gemeinden einen Weg, die Hauptschule zu erhalten.

Kommunale Schulentwicklung in Amtzell

„Die ganze Gemeinde steht dahinter!”

Interview mit MdL Paul Locherer

Der CDU-Landtagsabgeordnete Paul Locherer steht wie kein anderer für den Erfolg des Ländlichen Schulzentrums Amtzell. Er setzt vor allem darauf, die Schule durch Investitionen voranzubringen, kommentierte er in einem Interview.


Herr Locherer, wie ist der Erfolg der Reformschule Amtzell erklärbar?

Unsere kommunale Schulentwicklung hat vor rund 20 Jahren begonnen. Wir erstellten damals eine erste Konzeption, die wir dann engagiert umgesetzt haben. Wir haben dabei zunächst Ganztagsangebote innerhalb des Projekts einer wohnortnahen Kinderund Jugendbetreuung vorangebracht und später als zweite Säule ein Schulprofil mit fördernden und fordernden Elementen entwickelt. Wir wollten in engem Zusammenwirken mit den Eltern ein attraktives örtliches Bildungsangebot schaffen. Die Eltern nahmen dies positiv auf und sahen die Schule fortan als ihre Schule an. Diese Identifikation mit der örtlichen Haupt- und Werkrealschule ist trotz aller Schulstrukturdiskussionen erhalten geblieben. Wichtig war und ist das außergewöhnliche Engagement der Lehrer an der Schule.


Den Anstoß für diese Entwicklung gab aber eine riskante Situation für die Schule?

Das war tatsächlich hoch spannend. Damals besuchten gerade noch 90 Schüler die Sekundarstufe ab der fünften Klasse, heute sind es mehr als doppelt so viele. Um der sich damals abzeichnenden Fluktuation entgegenzusteuern, entschieden wir uns, die örtliche Schul-Infrastruktur zu stärken. Neben den Ganztagesangeboten wie Hausaufgabenbetreuung und Mittagessen an der Schule haben wir uns bemüht, technische und soziale Profile zu entwickeln und mit dem Fach Französisch eine zweite Fremdsprache zu etablieren.


Ein Anzeichen für das kommunale Engagement ist, dass Sie früh die Schulsozialarbeit gefördert haben.

Ja, seit 16 Jahren sind wir aktiv. Wir sagten uns damals, dass wir uns selbstverantwortlich den gesellschaftlichen Veränderungen stellen müssen. Das hieß letztendlich: nicht nur von anderen fordern, sondern zum Ausbau der Schulsozialarbeit selbst Geld in die Hand nehmen. Der Landkreis Ravensburg hat dann im Laufe der Jahre im Rahmen seines fortschrittlichen Schulsozialarbeit-Projektes 30 Prozent der Personalkosten übernommen. Auch das Land gab uns wertvolle Hilfestellung durch die Kernzeiten- und Hortbetreuung sowie nachfolgende ergänzende Programme.


Wie stark ist die Entwicklung in Gemeinde und Schule von einzelnen Personen abhängig gewesen?

Da hatten sich damals zwei gefunden: Rektor Herbert Rapp und ich. Rapp war ein sehr engagierter und innovativer Schulleiter. Bei mir wurzelte alles in meinem „Amt“ als Schülersprecher des Wirtschaftsgymnasiums in Biberach/Riß und in der kirchlichen Jugendarbeit. Ich wollte später beruflich das umsetzen, was wir Anfang der siebziger Jahre als Jugendliche gefordert hatten. Ich bin froh, dass dies in Amtzell gelang und die ganze Gemeinde mit Gemeinderäten, Eltern, Lehrern und Schülern immer hinter dem Projekt gestanden hat.


Hat die Kultusverwaltung Sie unterstützt?

Die Rahmenbedingungen im Landesschulrecht geben uns die Möglichkeit zur Entwicklung. An den entscheidenden Nahtstellen sind wir positiv begleitet worden. Ich denke, dass dies auch in Zukunft so sein wird, da der Werkrealschul-Abschluß dem Realschul-Abschluß gleichwertig gegenübergestellt wird. Ich freue mich, dass Kultusminister Helmut Rau diesen Weg geht. Allerdings bieten wir am Ländlichen Schulzentrum Amtzell auch jetzt schon eine Mittlere Reife der Werkrealschule an, die eine zweite Fremdsprache beinhaltet. An unserer Schule müssen mehr Schulstunden absolviert werden als an einer Realschule.


Entwickelt sich Amtzell in die Richtung zweigliedriges Schulsystem mit einer vereinigten Haupt- und Realschule?

Ich wollte in der Schulpolitik eigene Überzeugungen und Erkenntnisse umsetzen, die, wie man sieht, erfolgreich sind. Eine Einheitsschule will ich nicht. Wir betreiben in Amtzell schon lange eine Werkrealschul-Entwicklung mit integrativen Elementen innerhalb des dreigliedrigen Systems. Wir müssen Schulversuchen eine Chance geben. Deshalb hat Amtzell bereits mit der Nachbargemeinde Neukirch einen Kooperationsvertrag geschlossen.


Was halten Sie für wichtiger: Einsparungen oder Investitionen in die Bildungspolitik?

Wenn Kommunen in Kindertagesstätten und für eine fortschrittliche Schullandschaft investieren, so ist das gut angelegtes Geld. Sie werden im Wettbewerb um Einwohner und Arbeitsplätze bestehen und an Attraktivität gewinnen. Wenn ich die Wahl hätte, in die Schulen zu investieren oder Schulden abzubauen, würde ich investieren. Wir haben in den Jahren 2003 bis 2005 auch Schwierigkeiten mit dem Haushalt gehabt und dennoch stark in die Bildung investiert. Letztlich helfen solche Investitionen, die Einnahmen zu steigern, ganz davon abgesehen, welchen Gewinn die Förderung von Bildung allgemein erbringt. Wie sagte schon Benjamin Franklin: „Investieren in Wissen zahlt die besten Zinsen.“

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